Identitätsfragen: Brüche und Kontinuitäten

Identität ist für alle Menschen sehr vielfältig, im ständigen Wandel und die Summe verschiedener sich ergänzender, widersprechender, brechender und fortlaufender Einflüsse. Für Geflüchtete jedoch bedeutet Flucht jedoch häufig einen lebensverändernden Bruch im Leben. Der Verlust der vertrauten Welt, der Familie und der Anerkennung für das, was im Leben vor der Flucht aufgebaut wurde, und die Ungewissheit über die eigene Zukunft sind für viele sehr belastend. Hinzu kommt eine wechselseitige Dynamik zwischen migrantischem Selbstverständnis und Fremdreduzierung von außen, dem Willen zum Selbstausdruck und eigenbestimmten Handeln einerseits und einschränkenden und entrechtenden Strukturen andererseits. Jede Annäherung an Identitätsfragen von Geflüchteten muss sich diesen Aspekten stellen.

„Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind.” 11Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 9.

Identität ist individuell und mannigfaltig, sich stetig wandelnd und neuerfindend. Sie ist immer die Summe verschiedener sich ergänzender, widersprechender, brechender und fortlaufender Einflüsse. Dies gilt für jeden Menschen, ob geflüchtet oder nicht.

Flucht bedeutet für die allermeisten Menschen jedoch einen lebensverändernden Bruch, der durch seine anhaltende Wirkung das Leben am Ort des Neuanfangs maßgeblich prägt. Er geht zumeist einher mit einem (partiellen) Verlust des sozialen Status oder gar der Persönlichkeit, für die man vor der Flucht angesehen und geachtet wurde. Am Ankunftsort verlieren Menschen die Kontrolle darüber, für wen sie von der Umwelt gehalten werden.

Während Geflüchtete damals wie heute also versuch(t)en, sich ein neues Leben aufzubauen, konnte/kann selten übergangslos an das, was zuvor erarbeitet und aufgebaut wurde, angeknüpft werden. Gravierender als der Verlust von Status, Beruf und Eigentum ist für die meisten aber die Trennung von Familie, Freund*innen und oft auch die Ungewissheit über deren und das eigene Schicksal. Isolation und Einsamkeit trägt neben den oft traumatischen Fluchterfahrungen und der unsicheren Situation, in der man sich auch nach der Ankunft befindet, zu einer hohen psychischen Belastung bei. 22BundesPsychotherapeutenKammer (BPtK), 2015: Psychischen Erkrankungen bei Flüchtlingen. Berlin: BPtK, https://www.bptk.de/wp-content/uploads/2019/01/20150916_bptk_standpunkt_psychische_erkrankungen_fluechtlinge.pdf (26.11.2019).

Auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung konnten jüdische Menschen nicht immer mit ihren Familien zusammenbleiben, da diese oft sehr überstürzt geschehen musste oder unmenschliche Migrationsregime das Beieinanderbleiben verwehrten. Auch heute werden sehr viele Menschen durch Flucht von ihren Familien getrennt und wissen oft nichts über deren Verbleib. Besonders prekär ist diese Situation für Kinder, die ohne erwachsene Familienangehörige auf der Flucht sind. 33Laut Unicef kamen 12.700 geflüchtete Kinder im Jahr 2018 unbegleitet nach Europa. Unicef: Latest Statistics and Graphics on Refugee and Migrant Children, in: Unicef, 2019, https://www.unicef.org/eca/emergencies/latest-statistics-and-graphics-refugee-and-migrant-children (09.09.2019)

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit unseres Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“ 44Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 11.

Jede Annäherung an Identitätsfragen von Geflüchteten muss sich der Aufgabe stellen, die wechselseitige Dynamik zwischen migrantischem Selbstverständnis und (rassistischer, antisemitischer und misogyner) Fremdreduzierung sowie zwischen den empfundenen Identitäten von Geflüchteten und der strukturellen und systemischen Entrechtung, Diskriminierung und dem Integrationsdiktat von außen, die der Persönlichkeitsentfaltung im Wege stehen (können), zu analysieren.

„Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.“ 55Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 9.

Auf die migrantische Identität und den jeweiligen Immigrationsstatus reduziert zu werden, führt dazu, dass Menschen sich in einer prekären Situation befinden, in der nicht nur die Vergangenheit gefühlt verloren, sondern auch die Zukunft ungewiss ist. Für jüdische Geflüchtete in den 1930ern und 1940ern bedeutete das ebenso wie für Geflüchtete heute, dass ein sicherer Verbleib an einem Ort nie gewiss war und ist. Während jüdische Geflüchtete in der Angst lebten, dass der Ort ihrer Zuflucht von den Nationalsozialisten besetzt und dadurch für sie lebensgefährlich würde, ist für Geflüchtete in Europa heute die Angst vor einer Abschiebung in gefährliche Herkunfts- oder Transitländer allgegenwärtig. Ihre eigenen Bemühungen um Teilhabe an der Gesellschaft und den Aufbau eines neuen Lebens spielen bei Entscheidungen über ihren Verbleib nur selten eine Rolle. Aber nicht nur Gesetze schließen Geflüchtete von einer vollständigen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus, auch im Alltag erfahren viele von ihnen Diskriminierung. Viele versuchen, dieser Ablehnung zu entgehen, indem sie sich immer wieder neuen Normen anpassen.

Flucht ist jedoch keine Einbahnstraße und Brüche sind nicht zwangsläufig unüberwindbar. Um diesem Ausgeliefertsein zu entgegnen und sich eine selbstbestimmte Identität und eine Anerkennung als Mensch und Persönlichkeit zurückzuerlangen, versuchen geflüchtete Menschen, ihr eigenes, positives Bild von sich als in der Gesellschaft aktiv handelnde Menschen einzubringen. Sie machen – so wie die Teilnehmenden des Workshops in Palermo – ihre Stimme hörbar und fordern für sich Aufmerksamkeit ein. Und sie hoffen darauf, jetzt bedacht und gehört, und später erinnert zu werden. Für jüdische Geflüchtete war diese Hoffnung auf Erinnerung so zentral, dass sie schon sehr früh begannen, selbstorganisiert ihre Vertreibung und  Vernichtung zu dokumentieren. Zudem sind Tagebucheinträge und literarische Zeugnisse jüdischer Geflüchteter überliefert. Auch heute vereinen sich Geflüchtete in Organisationen, um politisch mündig zu werden und ihre Forderungen nach außen zu vertreten und nutzen kreative Wege des Selbstausdrucks.

In diesem Themenbereich erzählen Menschen von den Brüchen in ihrem Leben, von dem, was sie früher waren, was sie sind und was sie noch sein wollen; von Diskriminierungserfahrungen, Heimweh und Schmerz; und von ihrem Selbstverständnis. Obwohl diese Themen sehr persönlich sind, spielt auch hier die Frage nach den Strukturen, die die Brüche verursachen, wie auch die Frage nach dem Sinn des Zeugnisablegens, eine Rolle.

    Fußnoten

  • 1Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 9.
  • 2BundesPsychotherapeutenKammer (BPtK), 2015: Psychischen Erkrankungen bei Flüchtlingen. Berlin: BPtK, https://www.bptk.de/wp-content/uploads/2019/01/20150916_bptk_standpunkt_psychische_erkrankungen_fluechtlinge.pdf (26.11.2019).
  • 3Laut Unicef kamen 12.700 geflüchtete Kinder im Jahr 2018 unbegleitet nach Europa. Unicef: Latest Statistics and Graphics on Refugee and Migrant Children, in: Unicef, 2019, https://www.unicef.org/eca/emergencies/latest-statistics-and-graphics-refugee-and-migrant-children (09.09.2019)
  • 4Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 11.
  • 5Arendt, Hannah, 2016: Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay von Thomas Meyer. 5. Aufl. Stuttgart: Reclam. (amerik. Original 1943), p. 9.

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